Ein Text von: Julia Warga, Maike Grohmann, Manuel Haas und Theresa Klene…

Während der Arbeit an unserem Blog hatten wir die Idee, Menschen die den arabischen Frühling miterlebt haben zu Wort kommen zu lassen. Daraus ist ein 45-minütiges Gespräch mit zwei tunesischen Studierenden entstanden, welches wir hier in Auszügen veröffentlichen wollen. Die beiden leben seit 2014 in Deutschland und haben die Zeit vor, während und nach der Revolution in Tunesien erlebt und mitgestaltet. Die Namen wurden geändert.

 

„Sie haben uns die Revolution einfach weggenommen“

 

[…]

Modest: Wir hatten Hoffnung. Falls du mich jetzt fragst, fühlt es sich nicht so an als hätten wir eine Revolution gemacht. Aber am Anfang haben wir mitgemacht und wollten wirklich etwas Neues schaffen, und das Leben in Tunesien verbessern. Aber danach sind andere Kräfte gekommen.

Lamine: Sie haben uns die Revolution einfach weggenommen.

Modest: Dann war Ennahda an der Macht. Darauf folgten zwei problematische Jahre mit der neuen Regierung, die Frauen hatten Angst vor der Zukunft, weil das Extremisten sind. Sie wollten nicht zurück in die Vergangenheit, oder zu dem Zustand wie er noch heute in anderen arabischen Ländern ist.

Lamine: Die wollten, direkt nach der Revolution, unter anderem in die Verfassung schreiben, dass ein Mann vier Frauen heiraten darf. Das was wir jetzt haben, ist eine Kombination aus Ennahda und dem alten System.

Modest: Danach waren jeden Tag Frauen auf der Straße und haben neue Wahlen gefordert.

Artikel zu den Protesten gegen die geplanten Verfassungsänderungen

[…]

I: Wie ist es denn, wenn Leute in eurem Alter eine Beziehung eingehen, ist diese dann auch so eindeutig männlich dominiert?

Lamine: Das hängt ganz von den Personen ab, hier kann man keine pauschale Aussage für alle treffen.

Aber das hat sich geändert. Die tunesische Frau ist sehr stark, der Mann glaubt, dass er alles unter Kontrolle hat, aber in Wahrheit kontrolliert es die Frau. Das gilt für alle (lacht). Das gilt für meinen Vater, und das wird einmal für meine Ehe gelten. Aber das Bild des Vaters ist sehr wichtig in der Familie, also muss der Vater nach vorne hin immer das Sagen haben. Aber wenn mein Vater irgendetwas machen will und meine Mutter ist dagegen, macht er das auf keinen Fall. (lacht)

I: Das heißt also aber auch es gibt Unterschiede zwischen den Generationen?

Lamine: Ja, auf jeden Fall. Die Leben der Generationen sind sehr unterschiedlich, unsere Eltern haben ein ganz anderes Leben geführt als wir. Zum Beispiel haben viele unserer Eltern in der ersten Beziehung nach drei Monaten geheiratet und Kinder bekommen. Das hat sich geändert, jetzt verbringt man mehr Zeit miteinander um sich besser kennenzulernen und es hat nicht mehr nur der Mann das Sagen. Frauen können auch viel eher auswählen, sie müssen nicht irgendjemanden heiraten.

I: Wie ist es zum Beispiel mit Sex vor der Ehe und Single sein, gibt es in Tunesien Tinder?

Lamine: ja, gibt es.

I: Wie nimmt das die Gesellschaft auf? Was würden eure Eltern sagen?

Lamine: Über Sexualität wird nicht gesprochen, das ist ein Tabu in Tunesien.

Modest: Wir leben wie in der Zeit der 60er und 70er in den USA, als der Mann der Hauptverdiener war und die Frau vor allem zu Hause geblieben ist. Da hat der Mann auch einen höheren Stellenwert, weil er das Geld verdient und die Frau nur kochen und Kinder haben soll. So Leben noch viele in Tunesien.

I: Aber diese Forderungen gibt es ja auch in Deutschland wieder, die AFD will ja die Frauen auch wieder zurück an den Herd bringen. Diese Ansichten sind also noch weit verbreitet?

Lamine: Das ist nicht nur ein arabisches oder islamisches Problem, das gab es überall, wir sind bloß ein bisschen stecken geblieben. Aber in Tunesien ist das nicht wie zum Beispiel in Saudi-Arabien, wo Frauen nicht alleine Auto fahren dürfen. Das ist auch ein Grund warum Saudi-Arabien und Katar gegen unsere und alle anderen Revolutionen waren. Damals hat Al Jazeera aus Katar gesendet wir wissen nicht was wir tun, und es herrsche nur Chaos.

I: Wie ist es denn mit Vollverschleierung in Tunesien, sieht man das häufig?

Modest: Dazu kann ich natürlich keine Zahlen nennen. Aber nach der Revolution haben sich viele Frauen voll-verschleiert, das war davor verboten. Ben Ali hatte ein Problem mit dem Islam und Islamisten, er hatte immer Angst das die Islamisten etwas tun werden, deswegen hat er am Anfang alles verboten. Die Gläubigen wurden beobachtet, wenn du regelmäßig in eine Moschee bist kam nach zwei Wochen die Polizei.

[…]

Die hier angesprochenen Themen entsprechen nur einer gekürzten Auswahl.

Zudem sind die hier aufgezeigten Positionen nicht unsere eigenen. Sie haben keinen allumfassenden Wahrheits- oder Geltungsanspruch und repräsentieren auch nicht die gesamte tunesische Gesellschaft.

Wer Interesse hat, kann im vollständigen Interview weiterlesen.

 

Quellen:

http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-05/tunesien-ennahda-islamisten-partei

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/tunesien-ennahda-frauenrechte/komplettansicht

https://drive.google.com/open?id=0B93HWVzauTkLaXhJTVpxcGhFdXc (unser Interview)

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