Ein Text von: Milena Uppendahl, Armin Dashti, Aiko Tobias Saathoff, Rebecca Stranz…

In unserem letzten Blogeintrag haben wir uns den geschichtlichen Hintergründen Syriens im Kontext der Kurdenfrage gewidmet. Mit diesem Hintergrundwissen möchten wir uns nun mit der Rolle der Volksverteidigungseinheit YPG in Rojava (Westkurdistan) beschäftigen. Dazu soll zunächst ein kurzer Überblick über die Entstehung und die Struktur Rojavas gegeben werden.

Rojava

 Das Gebiet Rojava befindet sich im Norden Syriens und grenzt an die Türkei und den Irak. Es ist in drei Kantone unterteilt: Efrîn, Kobanê und Cizîrê. Der Kanton Cizîrê grenzt unmittelbar an die Autonome Region Kurdistan im Irak. Zwar sind die Kantone mehrheitlich kurdisch bevölkert, allerdings werden sie durch überwiegend arabisch besiedelte Gebiete voneinander getrennt.

Am 17. März 2016 wurde die autonome Föderation Nordsyrien – Rojava ausgerufen. Zwar unterstützen weder die USA, noch Russland, noch das Assad-Regime die Autonomiebestrebungen, trotzdem unterhält Rojava diplomatische Vertretungen in Moskau, Stockholm, Paris und in Berlin.

Die seit 2003 bestehende PYD (Partiya Yekitîya Demokrat) ergriff im Jahr 2012 die Macht in Rojava. Der Partei wird von türkischer Seite eine Nähe zur PKK, die international als Terrororganisation eingestuft wird, nachgesagt. Diese Aussage lässt sich nicht hinreichend überprüfen. Die PKK-Nähe wird jedoch, abgesehen von einer ideologischen Nähe, vom Vorsitzenden der PYD, Salih Muslim, bestritten. Sowohl die PKK als auch die PYD betrachten Abdullah Öcalan, den seit 1999 inhaftierten Vorsitzenden und Mitbegründer der PKK, als ihren Führer. Die YPG wiederum gilt als der bewaffnete Arm der PYD und stellt eine „de-facto-Armee“ in den kurdisch besiedelten Regionen Syriens dar. [1]

YPG/YPL

Die Entstehung der YPG basiert auf einer, spätestens seit 2004, voranschreitenden Entwicklung. In diesem Jahr kam es nach einem Fußballspiel zu Übergriffen baathistischer Fans auf KurdInnen. Diese Übergriffe seien, laut Pro Asyl, durch staatliche Strukturen unterstützt worden. Daraus resultierte ein spontaner Aufstand der KurdInnen, der vom syrischen Staat mit brutaler Gewalt beendet wurde. Die KurdInnen bauten illegale Selbstverteidigungseinheiten auf, die Widerstands- und Vergeltungsaktionen gegen das Assad-Regime durchführten. Mit Beginn der Aufstände in Syrien beschloss das Widerstandskomitee in Rojava, die Verteidigungseinheiten unter dem Namen YPG zu etablieren. Die Revolution am 19. Juli 2012, bei der Kobanê (Ain al-Arab), Efrîn (Afrin) und Dêrik (Al-Malikiya) im Kampf zwischen YPG und Regimekräften unter kurdische Kontrolle gebracht wurden, verfestigte die Rolle der YPG endgültig. [2]

Die YPG umfasst eigenen Angaben zufolge eine Stärke von ca. 45.000 KämpferInnen. Circa ein Drittel der KämpferInnen gehören der YPJ (Yekîneyên Parastina Jin), der Frauenverteidigungseinheit, an, die sich im Jahr 2013 formiert hat. Die YPJ spielt eine wichtige Rolle im Krieg der syrischen KurdInnen gegen den IS. Sie kämpfen Seite an Seite mit der YPG. Der Grund für die Etablierung eines eigenen Frauenbataillons war der enorme Zulauf von Frauen in die YPG. Die Angriffe der IS-Kämpfer haben besonders schlimme Auswirkungen auf die Frauen – Vergewaltigung, Ermordung, (Sex-)Sklaverei. Um sich gegen dieses mögliche Schicksal zu wehren, werden die Frauen selber aktiv. Sie lassen sich in Camps an der Waffe ausbilden und beteiligen sich an den Kampfhandlungen.

Politische Beziehungen der PYD/YPG

Die PYD/YPG ist ein enger Verbündeter der Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat und somit des Westens und Russlands. So setzen die USA die YPG als Bodentruppe in den umkämpften Gebieten Syriens ein. [3]

Für die Türkei hingegen ist die PYD/YPG nicht von der PKK zu trennen und stellt gleichermaßen eine Terrororganisation und Bedrohung für die türkische Sicherheit dar. Ankara befürchtet eine Vereinigung der Kantone Rojavas und somit einen autonomen Kurdenstaat direkt an der türkischen Grenze. Dies könnte auch die Autonomiebestrebungen der türkischen KurdInnen erstarken lassen. [4]

Die ungleiche Wahrnehmung der Akteure bezüglich der PYD/YPG stellt ein großes Hindernis im Syrienkrieg dar. Während die YPG als Bodentruppe für die USA fungiert und von russischen Luftangriffen gegen konkurrierende Rebellengruppen profitiert, attackiert die Türkei im Rahmen der Operation „Schutzschild Euphrat“ seit August 2016 nicht mehr nur Stellungen des IS, sondern auch der YPG. Sie fordert, die YPG sollte sich auf das Gebiet östlich des Flusses Euphrat zurückziehen. [5] [6] [7]

Internationale Kritik an der YPG

Doch nicht nur die Türkei, deren innenpolitische Interessen den Blick auf die YPG bestimmt, sondern auch andere Stimmen üben inzwischen Kritik an dem Vorgehen der YPG in Syrien. So werfen Amnesty International und Human Rights Watch der YPG Kriegsverbrechen vor. Die YPG soll AraberInnen und TurkmenInnen aus den Gebieten zwischen den Kantonen Rojavas vertrieben haben, ungerechte Gerichtsurteile gegen politische GegnerInnen gefällt und KindersoldatInnen rekrutiert haben.[8] [9]

Wie soll mit der YPG in Zukunft umgegangen werden? Als Partnerin im Kampf gegen den IS hat die YPG große Erfolge erzielt und ist kaum ersetzbar. Das vorrangige Ziel der YPG ist es jedoch, einen autonomes Kurdengebiet im Sinne des demokratischen Konföderalismus im Norden Syriens zu etablieren, worin Sie von der Weltgemeinschaft nicht unterstützt werden. Auch die angeprangerten Verletzungen der Menschenrechte sind nicht zu dulden. Die Zukunft der YPG und auch der PYD, im Fall des Sieges über den IS, ist ungewiss. Auch wenn die YPG aktuell eine Verbündete des Westen ist, könnte Sie in Zukunft von diesem zum neuen Feind erklärt werden.

 

 Quellen:

[1] Kein Autor genannt.YPG: The Kurdish militia battling IS jihadists for Syria town. 10.10.2014.

http://www.webcitation.org/6TMuZOk3h?url=http://www.webcitation.org/6TMuZOk3h (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[2] Flach, Anja et al. Revolution in Rojava, (S. 193). Rosa Luxemburg Stiftung. 2015.

https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/VSA_Flach_ua_Revolution_in_Rojava_akt_Auflage.pdf, S. 193 (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[3] Karasu, Kristina. vorwärts. Syrische Kurden-Miliz YPG: Verbündete oder Terroristen? 01.03.2016.

http://www.vorwaerts.de/artikel/syrische-kurden-miliz-ypg-verbuendete-terroristen (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[4] Kein Autor genannt. Tagesschau. Kurden rufen Autonomiegebiet aus. 17.03.2016.

https://www.tagesschau.de/ausland/kurden-syrien-111.html (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[5] Kein Autor genannt. Süddeutsche Zeitung. Türkisches Militär und Kurden liefern sich Gefechte im Norden Syriens. 28.08.2016

http://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkische-offensive-in-syrien-tuerkisches-militaer-attackiert-kurden-im-norden-syriens-1.3138858 (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[6] Seeling, Luisa. Süddeutsche Zeitung. Kurdischer Angstgegner macht Ankara nervös. 16.08.2016. http://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkische-aussenpolitik-bloss-keinen-kurdenstaat-1.3123026 (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[7] Baumgarten, Reinhard. Tagesschau. Die Kurden in Syrien: Freund oder Feind? 18.02.2016.

https://www.tagesschau.de/ausland/baumann-analyse-ypg-101.html (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[8] Amnesty International. Syria: US ally’s razing of villages amounts to war crimes. 15.10.2015.

https://www.amnesty.org/en/latest/news/2015/10/syria-us-allys-razing-of-villages-amounts-to-war-crimes/ (letzter Zugriff: 09.01.2017)

[9] Human Rights Watch. Syrien: Menschenrechtsverletzungen in kurdischen Enklaven. 19.07.2014.

https://www.hrw.org/de/news/2014/06/19/syrien-menschenrechtsverletzungen-kurdischen-enklaven (letzter Zugriff: 09.01.2017)

 

Grafik: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksverteidigungseinheiten#/media/File:People%27s_Protection_Units_Flag.svg

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