Ein Text von: Lars Behlen, Julian Brandt, Maximilian Preuss…

Durch Landnahme verlieren viele Tausende Menschen ihre Lebensgrundlage. Doch was ist das eigentlich, Landgrabbing?

Der Begriff Landgrabbing wurde von der NGO (Non Government Organisation) GRAIN 2008 geprägt. Er bezeichnet den Erwerb von Landflächen durch InvestorInnen, staatlichen Organisationen und Agrarkonzernen.[1] Durch den Kauf von Land wird sich eine sichere Investition erhofft. Inzwischen erstreckt sich der Begriff des Landgrabbing nicht mehr nur auf für den Agrarbereich nutzbare Flächen, sondern auch auf Land, das für den Tourismus, für die Forstwirtschaft und für den Bergbau (etc.) genutzt werden kann.[1] Im Jahr 2009 wurde nach Schätzungen der Weltbank 45 Millionen Hektar Land gekauft.[2]

Rechtlich liegt Landgrabbing in einer Grauzone.[5] Investierende suchen sich systematisch vor Allem Länder, in denen staatliche Institutionen schwach ausgeprägt sind oder wenig Einfluss ausüben können.[6] Einheimische Kleinbauern in diesen Ländern haben oft keine eingetragenen Nutzungs- und Zugangsrechte für das von ihnen genutzte Land.[1] So ist es großen InvestorInnen möglich legal die Landflächen zu erwerben. Die Preise sind meist sehr niedrig, so kostete ein Hektar in Sambia 2012 zwischen 800 und 1000 US-Dollar, während es in Deutschland ca. 24-Mal so teuer war.[2]

Artikel der Zeit über Landgrabbing in Afrika

Der globale Landrausch hält an - und es gibt starke Indizien dafür, dass Investitionen in die fruchtbaren Böden der Entwicklungsländer tatsächlich zu Lasten der lokalen, kleinbäuerlichen Bevölkerung gehen. Das zeigt die erste Auswertung einer neuen Datenbank, der "Land Matrix" , die seit heute der Öffentlichkeit im Netz zugänglich ist.
Der globale Landrausch hält an – und es gibt starke Indizien dafür, dass Investitionen in die fruchtbaren Böden der Entwicklungsländer tatsächlich zu Lasten der lokalen, kleinbäuerlichen Bevölkerung gehen. Das zeigt die erste Auswertung einer neuen Datenbank, der „Land Matrix“ , die seit heute der Öffentlichkeit im Netz zugänglich ist.

Laut den Vereinten Nationen müsste die Nahrungsmittelproduktivität bis zum Jahr 2050 um 70% ansteigen, um die gesamte Weltbevölkerung (Stand 2011) ernähren zu können.[2] Einige InvestorInnen legitimieren Landgrabbing mit dem Argument, dass durch den Anbau von Nahrung und eine effektivere Bewirtschaftung der Flächen die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden könne. Laut der Land-Matrix[3] 2016 wurden allerdings nur 8% dieser Flächen für alleinige Lebensmittelproduktion genutzt. Weitere 37% dienen des Anbaus nicht menschlicher Nahrung und 15% sind sogenannte Flex-Crops.[4] Außerdem wird oft das Argument ins Feld geführt, dass durch ausländische Investitionen Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung geschaffen werden. Tatsächlich gibt es für die beschäftigten einheimischen Arbeiter jedoch nur geringe monetäre Entlohnungen, oft werden auf den Agrarflächen sogar fremde Arbeiter beschäftigt.[1]

Ein Beispiel für die Vertreibung von lokalen Kleinbauern durch ausländische Unternehmen bietet die Neumann Coffee Group in Uganda. Hier wollte das Unternehmen durch ihre Tochtergesellschaft Kaweri eine Kaffeeplantage errichten lassen. Vor der Errichtung wurden 4000 Menschen durch die ugandische Armee von dem Land vertrieben. Nach einer Klage der Vertriebenen, in Zusammenarbeit mit der NGO FIAN, wurde Kaweri 2013 von einem ugandischen Gericht zu einer Strafe von 11 Millionen Euro verurteilt. Von Kaweri wurde Berufung eingelegt. Auch der damalige Minister des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ), Dirk Niebel, stellte sich auf die Seite der Neumann Coffee Group. In einem Brief an FIAN forderte er die NGO dazu auf, die Klage zurück zu nehmen, da sie angeblich der ugandischen Wirtschaft schaden würde.[7]

Landgrabbing stellt ein weiteres Beispiel neoliberaler Praktiken und ihren Bezug zu Flucht und Vertreibung dar. Durch den, teilweise gewaltsamen, Entzug der Lebensgrundlage von Einheimischen strukturarmer Länder, werden diese Menschen zur Flucht gezwungen. Das Institut für Welternährung sagt der Bundesregierung für ihre Entwicklungspolitik voraus, dass dies die Anzahl der nach Europa Flüchtenden erhöhen wird.[8]  Allerdings bleiben auch viele der aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen innerhalb der Landesgrenzen. Somit gelten sie lediglich als Binnenflüchtlinge und haben keinen Geflüchtetenstatus nach der Genfer Konvention.[9]

Landgrabbing ist für viele Investierende eine sichere Investition. Meist in Ländern mit schlechten staatlichen Strukturen wird Land gekauft und für die Gewinnmaximierung verwendet. Dass dabei viele Menschen ihre Heimat, ihre Lebensgrundlage und damit ihre Existenz verlieren wird oft verschwiegen oder ignoriert. Nicht nur Menschen wird dabei geschadet, auch die Natur wird, durch Monokulturen, Pestizide und Überdüngung, in Mitleidenschaft gezogen. Landgrabbing stellt ein weiteres Beispiel des Neoliberalismus als Fluchtursache dar. Leider wird den, durch diese Praxis Vertriebenen und Flüchtenden international viel zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht.

 

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[1] Bundeszentrale für politische Bildung, Landgrabbing, in: http://sicherheitspolitik.bpb.de/umweltsicherheit/hintergrundtexte-m8/landgrabbing-info, letzter Aufruf: 18.01.17, 18:36.

[2] Lexikon der Nachhaltigkeit, Landraub, in: https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/landraub_1714.htm, letzter Aufruf: 18.01.17, 18:37.

[3] Landmatrix, in: http://landmatrix.org/en/, letzter Aufruf: 18.01.17, 18.37.

[4] Transnational Institute (TNI), Flex Crops, in: https://www.tni.org/en/collection/flex-crops, letzter Aufruf: 18.01.17, 18:39.

[5] Weltagrarbericht.de, Landgrabbing, in: http://www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichts/landgrabbing.html, letzter Aufruf: 18.01.17, 18:39.

[6] Oxfam Media Briefing, Poor Governance, Good Business, in: http://www.weltagrarbericht.de/fileadmin/files/weltagrarbericht/GlobalAgriculture/OxfamPoorGovernance.pdf, letzter Aufruf: 18.01.17, 18:41.

[7] Vgl. Ziai, Aram, Fluchtursache Entwicklungspolitik? Wie Infrastrukturprojekte und Freihandel Migration verursachen, in: Iz3w – informationszentrum 3. Welt, Ausgabe 356, Sept./Okt. 2016.

[8] TAZ, Allianz der Heuchler, in: http://www.taz.de/!5235257/, letzter Aufruf: 18.01.17, 18:43.

[9] Behlen, Brandt, Preuss, Blog Nr. 2 – Eine Kritik der Genfer Flüchtlingskonvention, in: https://mahara.uni-kassel.de/mahara/view/view.php?id=5925, 14.12.16, 19:21.

Literaturverzeichnis

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