Ein Text von: Anika Apfel, Regine Beyß…

Das Bild zeigt Kämpferinnen und Kämpfer der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten YPG. Foto: Kurdishstruggle / flickr.com
Das Bild zeigt Kämpferinnen und Kämpfer der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten YPG. Foto: Kurdishstruggle / flickr.com

In den langen Jahren des Kampfes schafften es die Frauen nicht nur, eigene Strukturen aufzubauen, sondern auch eine „weibliche“ Kampfauffassung herauszubilden, die letztendlich die gesamte Guerilla beeinflusste und zu einer inneren Demokratisierung führte.“ (Flach 2007, S.113)

Frauen gab es schon lange in der Kriegstradition der kurdischen Geschichte. Ende des 20. Jahrhunderts begannen sich die Frauen stärker zu organisieren und ihre Gleichwertigkeit gegenüber Männern auch in der Guerilla zu finden. Zu dieser Zeit waren Frauen in der kurdischen Guerilla noch stark in der Unterzahl und hatten wenig Mitbestimmungsrechte, trotz der der PKK inhärenten Ideologie, die Gleichwertigkeit der Geschlechter anzuerkennen. Trotzdem vertraten die meist männlichen Kämpfer, die aus dörflichen Strukturen stammten, eine rückständige Haltung gegenüber Frauen und hatten die traditionelle Geschlechterrollen internalisiert (Flach 2007, S.98).

Viele der Kämpfer*innen erhofften sich beim Eintritt in die Guerilla eine Befreiung aus unterdrückenden Familienverhältnissen. Trotzdem übernahmen sie in dieser Zeit vor allem Reproduktionsarbeit und nur einzelne Frauen wurden in der Guerilla als gleichwertige Kämpferinnen anerkannt, wobei hier die Nachahmung männlicher Verhaltensweisen im Fokus stand (vgl. Flach 2007, S.101). Auch die Solidarität unter den Frauen war dabei nicht sehr ausgeprägt. Zu Anfang wurden in militärische Fraueneinheiten die Befehle der Kameradinnen nicht befolgt, weil sie nach einer männlichen Führung verlangten. Dessen zugrunde lag das traditionelle Bild der Geschlechterrollen. Aber auch die Tatsache dass es tatsächlich wenig Frauen mit Kriegserfahrungen gab, da zuvor Frauen in der Guerilla kaum Möglichkeiten erhielten Erfahrungen im Kampf zu sammeln (vgl. Flach 2007, S.109).

Erst durch die Auseinandersetzung mit der Identität als Frau und der Entstehung eines größeren Selbstbewusstseins konnte die Frauenbefreiung wirklich stattfinden. Während des Frauenkongresses 1995 und der Frauenkonferenz 1996 entstand ein Rahmen in denen sich Frauen nur untereinander austauschen konnten und ihre Diskussionen für eigene Bildungsprojekte zu nutzten. Sie erkannten, dass Frauen fähig sind auch Aufgaben zu übernehmen, die traditionell Männern zugeschrieben werden und dabei nicht durch ihre Geschlechtsidentität im Nachteil sind. Bei diesen Zusammenkünften beschlossen sie, dass sie sich unabhängig von Männern organisieren werden, um mehr Selbstständigkeit zu erlangen und damit Frauenbefreiung voranzutreiben (vgl. Flach 2007, S.109).

Der Aufbau der Frauenarmee führte dazu, dass es faktisch keine geschlechtsspezifischen Arbeiten mehr gab.“ (Flach 2007, S.109)

Als 1995 die kurdische Frauenarmee aufgebaut wurde, übernahmen Frauen Tätigkeiten, die traditionell eher Männern zugeschrieben wurde, und Männer widmeten sich auch der Reproduktionsarbeit. Die Überwindung der traditionellen Strukturen fand unter anderem dadurch statt, dass in jeder Guerillaregion mindestens eine Frau in einer Führungsposition war.

Die Frauenarmee trug viel zur Identitätsstiftung der Frauen bei.“ (Flach 2007, S.111)

Die Autorin Anja Flach hat in ihren Interviews mit Kämpferinnen in der Frauenguerilla festgestellt, dass sich nach deren Meinung der Führungsstil der Frauen in der Armee von dem der Männerarmeen unterscheidet. (Dies ist auf die unterschiedliche Sozialisation von Männern und Frauen zurückzuführen und nicht auf sogenannten biologistischen Wesenszügen von Frauen oder Männern.) Unter anderem forderten die Kämpferinnen in der Frauenarmee ein, dass sie sich empathisch zeigen konnten und stellten somit die extrem autoritäre Führung in Frage. Somit ermöglichten sie es auch, dass sich Kämpfer*innen mit ihren persönlichen Problemen auseinandersetzen konnten. Dabei hat dieser Führungsstil der Frauen dazu beigetragen, dass die Guerilla demokratische Strukturen entwickeln konnte (vgl. Flach 2007, S.112).

Die Haltung in den Frauenarmeen unterschieden sich von den vorherrschenden Einstellungen in den Männerarmeen nach der Meinung einiger darin, dass sie niemals Zivilist*innen und Kinder töten würden und stets die Verantwortung für Verletzte tragen würde. Diese dahinterstehenden Werte spielen für die Entwicklung von Menschenrechten und Demokratie eine große Rolle (vgl. Flach 2007, S.111).

 

Literatur:

Flach, Anja (2007): Frauen in der kurdischen Guerilla. Motivation, Identität und Geschlechterverhältnis in der Frauenarmee der PKK. PapyRossa Verlag. Köln.

Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/kurdishstruggle/24151153733/

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