Interview mit Christoph Görg am 03.01.2017 zu der Umweltproblematik und den Handlungsoptionen (von Kathrin Godehardt, Cornelia Kreß, Hanna Mause, Tabea Schlatter)

(zur Person Chrisoph Görg empfehlen wir einen Blick in unseren vorletzten Blogeintrag)

Christoph Görg, Sie haben sowohl Soziologie als auch Politikwissenschaften studiert. Welche Synergieeffekte sehen Sie zwischen beiden Bereichen insbesondere in Bezug auf die Umweltforschung?

Die Sozialwissenschaften im Allgemeinen haben in der Umweltforschung in den letzten 20 Jahren immer mehr an Relevanz gewonnen. Als ich in den 90er Jahren begonnen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, ging es weitgehend um naturwissenschaftlich-technische Fragen. Es zeigte sich aber schon deutlich, dass sozialwissenschaftliche Erkenntnisse notwendig sind, um die Umweltthematik richtig verstehen und bearbeiten zu können. Sowohl die Soziologie als auch die Politikwissenschaften leisten einen entscheidenden Beitrag und sind aus der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung nicht mehr wegzudenken. Obwohl es nicht immer ganz einfach ist, die unterschiedlichen Ansätze der verschiedenen Wissenschaftskulturen miteinander zu vereinbaren, hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel getan. Interdisziplinarität und eine transdisziplinäre Orientierung in Bezug auf reale gesellschaftliche Probleme sind stark auf dem Vormarsch.

Geht man der Frage nach, wie Ressourcen genutzt werden und welche Auswirkungen neue Technologien haben, darf die gesellschaftliche Relevanz der Naturverhältnisse und deren zentraler Einfluss auf Umweltprobleme nicht außer Acht gelassen werden. Alle Gesellschaften beruhen auf der Aneignung der Natur. Dementsprechend sind technologische Entwicklungen und die Frage nach der Nutzung von Ressourcen schon immer zentral für die Entwicklung von Gesellschaften gewesen. Mit der aktuellen Ökologie-Problematik ist dies wieder deutlich ins Bewusstsein gerückt.

Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie sich die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre anschauen? Wie hoch ist Ihr Frustpegel?

Ich arbeite gerade an einem Artikel, der sich damit befasst, dass das „Umweltthema“ in den 90ern mit großen Hoffnungen verbunden war. Nämlich, dass eine Kooperation zwischen Staaten entsteht, die eine Zusammenarbeit über Staatsgrenzen hinweg auch in Bezug auf andere Probleme stimulieren könnte. Daran habe ich schon damals nicht richtig geglaubt, denn es gab zwar Kooperationen, zum Beispiel nach der Konferenz in Rio de Janeiro 1992 in Bezug auf Umweltabkommen, mit positiven Ansätzen. Aber diese waren nicht in der Lage, andere Prozesse wie die neoliberale Globalisierung zu steuern. Im Gegenteil, die neoliberale Globalisierung hat sich in diese Regime eingenistet und sie selbst geformt. Was wir heute erleben, ist also für mich auch eine krisenhafte Zuspitzung dieses neoliberalen Projektes, was ich schon länger mit Sorge betrachte.

Die Welt ist also nicht erst seit heute aus den Fugen, sondern es ist nur zu sehen, dass sich immer mehr Krisenprozesse wechselseitig zuspitzen und somit zum Beispiel auch die Friedensproblematik wieder stärker auf die Tagesordnung rückt. Ich glaube, man muss nüchtern an die Umweltproblematik herangehen und auch diagnostizieren, dass diese immer stärker krisen- und konfliktverschärfend ist.

Was können Sie selbst zum Wandel beitragen und welche Relevanz hat Ihre wissenschaftliche Arbeit auf Ihr privates Leben in Bezug auf zum Beispiel Ernährung und Mobilität?

Man muss da ein Stück weit realistisch sein. Selbst als Wissenschaftler hat man nicht sehr viel Einfluss, man kann aber versuchen, mit seinen Diagnosen sowohl direkt in den politischen Prozesses hineinzuwirken als auch eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Manche Diagnosen sind sogar relativ erfolgreich und können das Problembewusstsein verschärfen. Man muss allerdings eine hohe Frustrationstoleranz haben, weil dies auch mit starken Rückschlägen verbunden ist.

Und zu dem zweiten Aspekt: Ich glaube, einerseits ist es wichtig, den Lebensstil oder die Lebensweise grundsätzlich in allen Facetten und in alle Konsumbereiche hinein zu hinterfragen. Andererseits ist unsere Gesellschaft so gestrickt, dass wir weder als Konsument*innen noch im wirtschaftlichen Bereich wirklich die Kontrolle über diese Prozesse haben. Man sollte sich also vor der Illusion schützen, dass man in dieser Gesellschaft als Einzelne*r nachhaltig korrekt leben kann. Ich persönlich fliege leider zu viel. Entweder müsste ich privat Abstriche machen oder sehr viel Zeit im Zug verbringen. Da ich beides nicht will, muss ich eben fliegen. Allerdings ist es trotzdem wichtig, soweit wie möglich nachhaltig zu konsumieren. Irgendwo geht jede*r Kompromisse ein, die nachteilige Auswirkungen haben. Man kann nur versuchen, dem „Ideal“ nahe zu kommen, aber man kann es nicht vollends erreichen, dafür müsste sich die Gesellschaft ändern.

Und was sehen Sie für Handlungsoptionen und welche Akteure spielen dabei eine Rolle? Auf welcher Ebene können wir ansetzen?

Es gibt etwas zwischen der staatlichen Ebene und den Einzelnen: soziale Bewegungen oder andere Formen nicht-staatlicher Organisationen. Ich würde eher auf diese Ebene setzen. In Europa sind es vor allen Dingen die Postwachstums-Bewegungen, die inzwischen viel Einfluss gewonnen hat. Weltweit gibt es auch andere Bewegungen. In Lateinamerika wird z.B. versucht, die Ausbeutung von Bodenschätzen zu politisieren und dafür zu kämpfen, dass fossile Brennstoffe im Boden bleiben. Allerdings ist ein langer Atem notwendig und eine starke Bewegung in der Gesellschaft. Wenn bestimmte Themen mit starkem Druck vertreten werden, wird sich das vielleicht irgendwann in den Institutionen niederschlagen und die Entwicklung beeinflussen.

Vielen Dank für das Interview.

Advertisements