Ein Text von: Jakob Weinreich, Christoph Klakus, Alexander Nolte, Christopher Frank Schütz….

Bildbeschreibung: Die Karikatur zeigt Landnahme im wortwörtlichen Sinn: Hände reicher Investoren aus aller Welt reißen afrikanischen Subsistenzbauern und -bäuerinnen den fruchtbaren Boden unter den Füßen weg.

Nachdem sich unsere ersten beiden Blogeinträge mit einer Einführung in die Thematik des Neoliberalismus und Migration sowie den globalen Ungleichheiten als Folge neoliberalen Handelns befassten, soll im Fokus dieses Blogeintrags die sogenannte Praxis des Landgrabbings (zu Deutsch: Landnahme) stehen.

Hintergrund/Hinführung

Ein wichtiger Bestandteil des Neoliberalismus ist die Privatisierung. Diese kann in vielen Bereichen stattfinden. Beispielhaft lässt sich hier die aktuelle Debatte anführen, dass der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé plant, Wasser zu privatisieren. Privatisierung findet darüber hinaus auch im Bereich von Land statt, und zwar schon Jahrzehnte lang. In Zeiten einer wachsenden Weltbevölkerung, voranschreitender Urbanisierung und eines zunehmend wahrnehmbaren Klimawandels, ist fruchtbares Land ein immer gefragter werdendes Gut. Steigende Nahrungsmittelpreise und nährbares Land als neues Spekulationsobjekt nach der Finanzkrise tun ihr Übriges, um Land noch attraktiver zu machen. Negativ betroffen hiervon sind in der Regel arme Länder, wie jene des globalen Südens, welche sich nur selten dem Kapital der starken Industrienationen zur Wehr setzen können. Wenn deren fruchtbarer Boden dann beispielsweise an ausländische Investoren verkauft wird, und diese dort produzieren, nennt man dies Landgrabbing. Oftmals werden genau diese Praktiken unter dem Stichwort Neokolonialismus diskutiert, welcher eine logische Folge neoliberaler Politiken ist [1].

Wo findet Landgrabbing statt?

Landnahme findet auf jedem Kontinent statt, jedoch meist in finanziell benachteiligten Regionen. Eine Studie von Brot für die Welt führt mehrere Bespiele an: So wurden in Kambodscha Felder gerodet um Zucker anzubauen, in Kolumbien ganze Gemeinden vertrieben um Palmöl zu produzieren und in Sierra Leone der Trinkwasserzugang als Folge der Landnahme stark eingeschränkt [2]. Doch nicht nur Asien und Afrika sind betroffen, denn Landgrabbing findet auch „vor unserer Haustür“ statt, speziell in Osteuropa. So titelte die Süddeutsche Zeitung im Juni 2015 „Landraub wird in Europa zum Problem“ und spielt damit auf die Zustände in Rumänien und Bulgarien an. Zwar hat es hier nicht die gleichen katastrophalen Folgen wie in anderen Ländern, Arbeitslosigkeit und eventuelle Flucht von Kleinbauern und -bäuerinnen hat dies dennoch zur Folge [3].

Was sind die Folgen?

Ein wichtiger Faktor bei der Problematik des Landgrabbings ist folgender Begriff: Subsistenzwirtschaft. Mit diesem Begriff ist gemeint, um es mit einfachen Worten auszudrücken, dass viele Bäuerinnen und Bauern ihre eigenen Nahrungsmittel produzieren. Sie sind insofern Selbstversorger. In manchen Fällen kann sogar ein ganzes Dorf von ein oder zwei Bauern oder Bäuerinnen abhängig sein. Verlieren diese nun ihr Land, bekommen sie existenzielle wenn nicht sogar lebensbedrohliche Probleme. Laut Oxfam America finden zwei Drittel aller Landnahmen in Ländern mit Hungerproblemen statt, während 60 Prozent der neu-produzierten Lebensmittel für den Export gedacht sind [4].

Eine weitere Gefahr der Landnahme sind die teils gravierenden Folgen für die Umwelt. So wird nicht selten zerstörter, unfruchtbarer Boden zurückgelassen. Auch der Regenwald im Amazonas wird abgeholzt um Produkte wie Sojabohnen oder Palmöl zu produzieren [5]. Wenn man nun den Landverlust durch die Erderwärmung oder den steigenden Wasserspiegel im Hinterkopf behält, merkt man schnell, dass es eine Art Teufelskreis ist, der nutzbares Land immer kostbarer werden lässt.

Wie ist das möglich?

Manche von euch werden sich nun sicherlich fragen, warum sich die Bäuerinnen und Bauern dagegen nicht zur Wehr setzen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da viele Faktoren hierbei eine Rolle spielen.

Der möglicherweise wichtigste Faktor jedoch ist der der fehlenden Besitzansprüche. Das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. legt dies wie folgt dar: „Die Besitzverhältnisse von Land sind nicht nach westlichen Standards geregelt. Subsistenzbauern und -bäuerinnen und HirtInnen haben oft keine offiziellen Besitztitel für das Land, sondern bewirtschaften es nach traditionellen Nutzungs- und Besitzübereinkünften.“ Ist das Land erst einmal verkauft, wird „die lokale Bevölkerung nicht selten auch gewaltsam von ihrem Land vertrieben“ [6]. In der oben genannten Studie von Brot für die Welt wird diese gewaltsame Vertreibung an mehreren Beispielen genauer beleuchtet (Vgl. S. 9ff). Ein weiterer Faktor, der nicht unerwähnt bleiben sollte, ist die politische Situation in manchen Ländern. So ist oftmals der gesamte Staatsapparat von Korruption gezeichnet, sodass kaum eine Chance für die lokale Bevölkerung besteht, ihr Land zu behalten. Außerdem „wird die Landbevölkerung mit Versprechungen (Arbeitsplätze, Barzahlungen etc.) gelockt, Land abzugeben“ [7].

Schlusswort

Nachdem wir euch nun die Praxis des Landgrabbings (hoffentlich) ein wenig nähergebracht haben, möchten wir noch zwei Zahlen nennen, damit ihr eine ungefähre Vorstellung davon habt, über was für Dimensionen wir uns hier unterhalten: Laut einer Prognose von Brot für die Welt werden in den nächsten zehn Jahren 50.000.000 Menschen gezwungen sein, ihre Heimat als direkte Folge von Landraub zu verlassen. Zum Vergleich: Im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ wurden in Deutschland im Jahr 2015 ca. 1.100.000 Asylsuchende registriert [8].

Uns ist bewusst, dass dieser Eintrag viele Aspekte des Landgrabbings nur oberflächlich aufgreift oder auch komplett auslässt. Eine detailliertere Auseinandersetzung würde leider den Rahmen dieses Blogeintrags sprengen. Sollten wir dennoch euer Interesse geweckt und ihr Lust auf mehr haben, würden wir an dieser Stelle gerne auf unsere nachfolgende Literaturauflistung verweisen. Aus eigener Erfahrung bieten speziell die Seiten des FDCL einen guten Einstieg in das Thema Landgrabbing.

Quellen

Literatur/Querverweise

[1] Weimer, Jan (2016): Neokolonialismus – Was habe ich eigentlich damit zu tun? Erschienen auf SPUNK. Online verfügbar unter: https://gjspunk.de/2016/01/neokolonialismus-was-habe-ich-eigentlich-damit-zu-tun/, Zugriff am 10.12.2016.

[2] Geuder-Jilg, Erwin (2014): Landnahme und ihre Auswirkungen auf Frieden, Sicherheit und Stabilität. Herausgegeben von Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst. Online verfügbar unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Fachinformationen/Analyse/Analyse_43.pdf, S. 9ff., Zugriff am 10.12.2016.

[3] Liebrich, Silvia (2015): Landraub wird in Europa zum Problem. Erschienen in der Süddeutschen Zeitung. Online verfügbar unter: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/land-grabbing-sturm-auf-die-felder-1.2525060, Zugriff am 10.12.2016.

[4] Oxfam (n.d.): The Truth about Land Grabs. Online verfügbar unter: https://www.oxfamamerica.org/take-action/campaign/food-farming-and-hunger/land-grabs/, Zugriff am 10.12.2016.

[5] Lambert, Tobias (n.d.): Futter statt Land. Erschienen auf land-grabbing.de, einem Projekt des Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. Online verfügbar unter: http://land-grabbing.de/triebkraefte/futtermittel/fallbeispiel-sojaproduktion-in-lateinamerika/, Zugriff am 10.12.2016.

[6] FDCL (n.d.): Situation in den Zielländern des Landgrabbing. Erschienen auf den Seiten des Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika. Online verfügbar unter: https://www.fdcl.org/themen/landnahme/info/situation-in-den-ziellaendern-des-landgrabbing/, Zugriff am 10.12.2016.

[7] Geuder-Jilg, Erwin (2014): Landnahme und ihre Auswirkungen auf Frieden, Sicherheit und Stabilität. Herausgegeben von Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst. Online verfügbar unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Fachinformationen/Analyse/Analyse_43.pdf, S. 10, Zugriff am 10.12.2016.

[8] Pro Asyl (2016): Fakten, Zahlen und Argumente. Online verfügbar unter: https://www.proasyl.de/thema/fakten-zahlen-argumente/, Zugriff am 10.12.2016.

 

Bild

Polyp (Künstlername; n.d.): polyp.org.uk. Online verfügbar unter: http://landportal.info/sites/landportal.info/files/actionaid.png, Zugriff am 10.12.2016.

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