Ein Text von: Kathrin Godehardt, Cornelia Kreß, Hanna Mause, Tabea Schlatter…

Görg verbindet seine Analysen mit der Kritischen Theorie in seinem Werk „Neue soziale Bewegungen und Kritische Theorie“ (siehe vorheriger Blogeintrag „Wer ist eigentlich Christoph Görg?“). Aus diesem Grund haben wir uns näher mit der Frankfurter Schule auseinandergesetzt und versucht, diese mit Görgs Hauptthesen aus dem Haupttext der Vorlesungsreihe zu verbinden.

„Ökologischer Imperialismus. Ressourcenkonflikte und ökologische Abhängigkeiten in der neoliberalen Globalisierung“

Abhängig von der gesellschaftlichen Einbettung der Umweltproblematik und von durch Machtstrukturen selektiv wirkenden Umweltmaßnahmen sei von einem „ökologischen Imperialismus“ auszugehen, der sich in der Neugestaltung des Ressourcenzugangs und der Nord-Süd-Abhängigkeit durch imperiale Kontrollmechanismen niederschlägt.

Der Wirksamkeitsglaube an ihrerseits neoliberal geprägte Weltorganisationen unterschätzt die Bedeutung sog. „gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ (Gesamtheit gesellschaftlicher Formulierungen ihrer Naturbeziehungen) und übersieht die veränderten Bedingungen sozialer Akteure. Unter dem Paradigmenwechsel zum Postfordismus (Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit als neue Glaubenssätze der Gesellschaft) wird die Ressource (vgl. http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20456/ressourcen) rentabel gemacht und der kapitalistischen Effizienz- und Inwertsetzungslogik unterworfen. Gleichzeitig entwickelt sich als Rahmen der internationalen Umweltpolitik das sog. „Kooperations-Konkurrenz-Paradox“, also ein zwar gesteigerter Druck zur Kooperation aller Umweltakteure bei gleichzeitiger Konkurrenzsteigerung zwischen den Akteuren und deren vielfältige Interessenlagen, welches sich in den zunehmenden Abkommen niederschlägt und Interessenskonflikte anfeuert statt sie zu mildern.

Im Zuge der Neudefinition zur strategisch bedeutsamen Ressource verändert sich das Verhältnis zwischen Zentrum (Industrieländer) und Peripherie (Länder des Südens) dahingehend, dass die gesellschaftlichen Naturverhältnisse im Süden durch imperiale Strategien des Nordens dessen kapitalistischer Akkumulation zunehmend unterworfen werden. Dieses Eingreifen bewirkt eine Vervielfachung der Folgen von natur- wie menschgemachter Katastrophen oder ermöglicht das schiere Auftreten. Die Kontrolle über die Naturverhältnisse eines anderen Landes und deren Gestaltungsfähigkeit tritt an die Stelle der bisherigen peripheren und imperialistisch geprägten Machtkonzeption von Nord-Süd-Beziehungen.

Schlussendlich sind durch diese Prozesse gesellschaftliche Naturverhältnisse in hohem Maße mit neoliberalen Strukturen des Postfordismus verknüpft worden und unter der Neustrukturierung (unter der Prämisse kapitalistischer Konkurrenz) ebenfalls Neuerungen, insbesondere in der Konstruktion der Abhängigkeit der Industrienationen vom globalen Süden, unterworfen. Die Folgen für die südlichen Länder sind Konflikte um Gemeingüter wie Wasser und Land.  (vgl. Görg 2004)

Kritische Theorie der Frankfurter Schule

„Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Entfaltung einer quantifizierenden, d.h. rechnenden Rationalität; was nicht identisch ist, wird äquivalent und dadurch tauschbar gemacht.“ (Rosa, Strecker, Kottmann 2013: 120)

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule wurde u.a. geprägt durch Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Angelehnt an Marx haben sie sich die Frage gestellt, warum die von Marx angeführte Prognose der Revolution nie eingetreten ist. (Rosa, Strecker, Kottmann 2013: 114ff) Sie gingen davon aus, dass Modernisierung Domestizierung, also die Beherrschung der Natur, heißt. (ebd.: 116) Görg setzt an diesem Punkt an und behauptet, dass die Beherrschung der Natur sich in der Betrachtung derselben als strategische Ressource unter der Prämisse von Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit im Zuge der Schaffung postfordistischer Naturverhältnisse darstellt. (Görg 2004: 97f)

Das fehlende Revolutionsdenken resultiere daraus, dass kapitalistische Handlungsweisen, sogenannte Tauschverhältnisse, dem Individuum in zunehmendem Maße nicht mehr bewusst sind und deswegen eine Hinterfragung gesellschaftlicher Zustände dadurch schwindet. (Rosa, Strecker, Kottmann 2013: 117)

Dies lässt sich dadurch begründen, dass die Individuen vollständig in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess eingebunden sind, welcher ein „Prozess der Aufrechterhaltung sozialer Ordnung“ sei. (ebd.: 117)

Nach Marx ist der Bereich der Kultur und der Vorstellungen über gesellschaftliche Verhältnisse, welches er als das Bewusstsein ansieht, von den ökonomischen Verhältnissen und den verschiedenen Klassen bzw. Schichten in der Gesellschaft bestimmt. (ebd.: 118f) Analog können die gesellschaftlichen Naturverhältnisse als dem Wandel ökonomischer Paradigmen unterworfene kulturelle Ausdrücke verstanden werden. (Görg 2004: 97f)

Die Persönlichkeitsstruktur wird als drittes und vermittelndes Element angesehen neben den kulturellen Ideen als Überbau und der materiellen Basis der ökonomischen Verhältnisse. Dabei werden alle Teilbereiche der Gesellschaft (Recht, Politik, Moral) von der Basis des Kapitalismus bestimmt. (Rosa, Strecker, Kottmann 2013: 118f)

Durch die Einbettung des Menschen in den Reproduktionsprozess und des Einflusses der ökonomischen Vorgehensweise in alle gesellschaftlichen Teilaspekte kommt es zu einem nutzenfokussierten Umgang der Menschen miteinander. Im Grunde werden Menschen zur Ressource im Tauschprozess. (ebd.: 121) Dieser Nutzenfokus schlägt sich auch bei Görgs Definition des Postfordismus in Bezug auf die Ressourcennutzung nieder, die dem Prinzip der Rentabilität i.S. von kapitalistischer Inwertsetzung folgt. (Görg 2004: 98) Dies hat wiederum Auswirkungen auf Menschen jenseits der industrialisierten Zentren (ebd.: 103) und geht über den/die Arbeitende/n im kapitalistischen Zentrum hinaus.

Zusammenfassend lässt sich nun sagen, dass sich definitiv eine Schnittmenge zwischen Christoph Görgs Ausführungen und den Grundannahmen der Kritischen Theorie ausmachen lässt. Dazu zählen die Ansichten zur Domestizierung bzw. Inwertsetzung der Natur, der Definition des Kulturellen mittels der ökonomischen Vorgehensweisen sowie der Nutzenfokussierung menschlicher wie natürlicher Ressourcen.

Quellen:

Görg, Christoph (2004). Ökologischer Imperialismus. Ressourcenkonflikte und ökologische Abhängigkeiten in der neoliberalen Globalisierung. In: Widerspruch, 24 (47/04). S.95-107.

Rosa, H., Strecker, D., Kottmann, A. (2013). Soziologische Theorien (2., überarb. Aufl.). Konstanz: UKV.

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