Ein Text von: Regine Beyß, Annika Apfel…

Die Karte zeigt die Region Rojava im Norden Syriens mit den vier Kantonen Efrîn, Şehba, Kobanê und Cizîrê.
Die Karte zeigt die Region Rojava im Norden Syriens mit den vier Kantonen Efrîn, Şehba, Kobanê und Cizîrê.

Bereits im Januar 2014 verabschiedeten die Menschen im syrischen Teil Kurdistans einen demokratischen Gesellschaftsvertrag [1]. Die Region orientiert sich am Modell des demokratischen Konföderalismus des ehemaligen PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan, das vor allem auf Selbstverwaltung, Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit beruht. Ein Modell für die Zukunft?

Die Region Rojava besteht aus vier selbstverwalteten Kantonen im Norden Syriens: Efrîn, Şehba, Kobanê und Cizîrê. Im März 2016 rief eine Versammlung von Delegierten offiziell die autonome Föderation Nordsyrien-Kurdistan aus. De facto ist Rojava autonom, das heißt, der syrische Staat hat dort keinen Einfluss mehr. Völkerrechtlich ist die Region allerdings nicht anerkannt. Sie muss sich zudem gegen Angriffe aus verschiedenen Richtungen verteidigen, weil sowohl ihre Autonomie als auch das Modell des demokratischen Konföderalismus auf Kritik stößt [2].

Anti-nationalistische Bewegung

Entwickelt wurde das Konzept von Abdullah Öcalan, der seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer inhaftiert ist. Sein Ziel ist eine demokratische, geschlechterbefreite und ökologische Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichen Relgionen, Ethnien und kulturellen Hintergründen zusammenleben können. Der demokratische Konföderalismus in Kurdistan versteht sich als anti-nationalistische Bewegung und strebt nicht die Gründung eines Nationalstaates an [2].

Vielmehr sollen die Bewohner*innen sich in selbstverwalteten Strukturen organisieren, das heißt sie diskutieren und entscheiden auf regionalen Treffen, allgemeinen Versammlungen und Räten. Alle Gesellschaftsschichten sollen beteiligt sein: „Je stärker die Beteiligung, desto stärker ist diese Art von Demokratie.“ [3]

Sprachrohr der Gemeinschaft

Das wichtigste Element des Gesellschaftssystems ist die Kommune, die für rund 1000 Bewohner*innen zuständig ist. Sie trifft Entscheidungen zu aktuellen Notwendigkeiten wie Versorgung mit Lebensmitteln und Strom oder der Verwaltung. Einzelne Kommissionen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Fragen von Justiz bis Ökonomie.

Aus den Kommunen bilden sich Stadtteilräte, die wiederum den Stadtrat und die regionale Räteverwaltung wählen. Die Entscheidungsmacht soll immer bei den lokalen Basisorganisationen liegen, das heißt, die höheren Ebenen dienen lediglich der Koordinierung. Die Delegierten werden auf bestimmte Zeit gewählt und verstehen sich ausschließlich als Sprachrohr ihrer Gemeinschaft. [2]

Zur Entscheidungsfähigkeit gehört, dass an den Diskussionen mindestens 40 Prozent Frauen beteiligt sind. Das ist auch insofern bemerkenswert, weil die Staaten im Nahen Osten mehrheitlich durch hierarchische und antidemokratische Männergesellschaften geprägt sind. Frauen sind vom politischen und gesellschaftlichen Leben in diesen Ländern praktisch ausgeschlossen, wie auch vielfach die ethnischen und religiösen Minderheiten. [1]

Gleichberechtigte Partizipation

Der demokratische Konföderalismus versteht Sexismus und die systematische Diskriminierung von Frauen als wichtige ideologische Stütze von Nationalismus und Kapitalismus. Frauen würden als billige Arbeitskräfte und Sexualobjekte ausgebeutet, so Öcalan. Diese Versklavung der Frau stehe einer befreiten Gesellschaft entgegen. Eine Demokratie sollte sicherstellen, dass alle gleichberechtigt an der Macht und an gesellschaftlichen Organen beteiligt sind. [3]

„Für eine demokratische Nation ist die Freiheit der Frau von großer Bedeutung, da die freie Frau die befreite Gesellschaft konstituiert. […] Darüber hinaus ist es von revolutionärer Bedeutung, die Rolle des Mannes umzukehren.“ [3]

Die Rolle der Frauen in Rojava liefert ein neues Rollenmodell – nicht nur für den Nahen Osten. Es gibt eigene (militante) Fraueneinheiten, die ihre eigenen Strukturen haben und sich keinen männlichen Hierarchien unterordnen. In Frauenräten wird der soziale Alltag in den Dörfern geregelt und in Frauenhäusern werden Betroffene von Gewalt unterstützt. Frauen sind Teil der Produktion und der Verwaltung. „Sie sind überall und ein Teil von allem.“ [4]

„Gefahr“ durch revolutionäre Bewegung

Mit der Emanzipation der Frauen und einem anti-nationalistischen Gesellschaftskonzept stellt Rojava die Systemfrage – das macht dieses Experiment gefährlich für andere Staaten und Regierungen. Gerade im Nahen Osten, wo Clanstrukturen und Stämme noch eine wichtige Rolle spielen, sollen ähnliche revolutionäre Bewegungen verhindert werden. Und auch der Westen hat offensichtlich kein Interesse, Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Frauenemanzipation, Rechtsstaatlichkeit und Glaubensfreiheit zu verteidigen, wenn dabei auch das nationalstaatliche und kapitalistische System in Frage gestellt wird. [1]

 

Quellen:

[1] Dangeleit, Elke: Rojava: Ausrufung einer kurdisch-syrischen „Demokratischen Föderation“. Telepolis, 20. März 2016. [Zugriff: 12. Dezember 2016]

[2] Dangeleit, Elke: Das Modell Rojava. Telepolis, 12. Oktober 2014. [Zugriff: 12. Dezember 2016]

[3] Öcalan, Abdullah: Demokratischer Konföderalismus. International Initiative Edition, Köln 2012. [Zugriff: 12. Dezember 2016]

[4] Flach, Anja: Revolution in Rojava. Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo. Hamburg, 2015, Kapitel 6.

Bildquelle:

By AzadG99 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons.

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