Ein Text von: Marcus Göbel, Lisa-Marie Konschak, Jessica Neitz…

Bei der Berichterstattung zum Arabischen Frühling wurde und wird in den gängigen Nachrichtenmagazinen wenig darüber informiert, dass Frauen und Fraueninteressengruppen dabei einen großen Beitrag leisteten (Unmüßig, 2014) [1]. Somit stellt sich die Frage, welche Gründe es dafür gibt. Trägt unser Unwissen oder sogar unsere Arroganz als Europäer*innen gegenüber dem Rest der Welt dazu bei, diesen Fakt nicht auch in den Fokus zu rücken? Um sich einer Beantwortung anzunähern, möchten wir auf Thesen Birgit Rommelspachers eingehen, die sich in „Weibliche Hegemonie“ mit dem europäischen, beziehungsweise, deutschen Verständnis der Emanzipation auseinandersetzt. Sie erklärt, dass in der BRD davon ausgegangen wird, die Bestrebung nach Emanzipation hätte schon ausreichend gegriffen, weil „weiße, deutsche Frauen der Mittelschicht“(Rommelspacher, 2009) [2] in Bildung und Beruf aufgestiegen sind. Dabei wird aber kaum thematisiert, dass die „typisch“ weiblichen Berufe im Niedriglohnsektor nicht von deutschen Männern, sondern von Frauen der unteren sozialen Schicht, Migrant*innen und Menschen ohne Papieren übernommen wurden (Rommelspacher, 2009) [3]. Weil sich also nicht die Geschlechterverhältnisse, sondern die Hierarchien geändert haben, empfinden wir eine erfolgreiche Gleichstellung, obwohl klassische Männer- und Frauenberufe häufig genau so besetzt sind und noch immer ungleiche Löhne gezahlt werden. Unter diesem Gesichtspunkt sollten wir die Geschlechterverhältnisse anderer Kulturkreise achtsamer und zurückhaltender betrachten.

Rommelspacher verdeutlicht dieses mit einem meist nur emotional diskutierten Thema: dem Tragen des Hijab [4]. In vielen europäischen Ländern wird besonders muslimischen Frauen in öffentlichen Bereichen, beispielsweise als Lehrerinnen oder Rechtsanwältinnen, das Kopftuch untersagt, wogegen in Berufen des Niedriglohnsektors, kaum gegen angegangen wird (Rommelspacher, 2009) [5]. Warum wird gerade gebildeten Frauen dieses verwehrt und anderen Menschen das Tragen der Zeichen ihrer religiösen Zugehörigkeit gestattet?

Von einigen Feminist*innen und Politiker*innen als Symbol der weiblichen Unterdrückung bezichtigt (Rommelspacher, 2009) [6], wird noch viel zu selten danach gefragt, welche Bedeutung das Tragen des Hijab für das jeweilige Individuum hat. Wichtig ist, diese unterschiedlichen Gründe zu respektieren, so wie auch sonst jeder Mensch sein Individualisierungsbedürfnis nach außen tragen darf, solange kein öffentliches Ärgernis erregt wird oder eine Verletzung der Menschenwürde damit einhergeht. Untersuchungen zeigen, dass das Kopftuch für viele junge, muslimische Frauen ein Symbol der Eigenständigkeit in einer kulturell dominanten Umgebung ist oder auch die Verbundenheit mit Muslimen der gesamten Welt ausdrückt (Rommelspacher, 2009) [7]. Rommelspacher stellt fest, dass dieser Thematik meist nur mit Verboten begegnet wird, anstatt Vorschläge zu bringen, wie Dialoge angeregt werden können oder Konzepte zur Bildung entwickelt werden, um kulturelle Unterschiede zu thematisieren. Auch Programme für die berufliche Integration muslimischer Frauen, wären als Unterstützungsmaßnahme denkbar (Rommelspacher, 2009) [8]. Mit Verboten soll Demokratie und Emanzipation erzwungen werden, welches keineswegs im Sinne dieser ist.

Schließlich gilt es noch zu beachten, dass Machtzuwachs oft mit Emanzipation gleichgesetzt wird. Dieses lässt sich mit einem Beispiel aus der deutschen Kolonialzeit gut widerlegen. Dort wanderten meist Frauen aus unteren, sozialen Schichten aus und stiegen dort gesellschaftlich als „weiße Herrinnen“ gegenüber der schwarzen Bevölkerung auf (Rommelspacher, 2009) [9]. Dieser Machtgewinn führte jedoch nicht zu einer gesellschaftlichen Verbesserung gegenüber der weißen, deutschen Männer. Durch die hochgehaltene „weiße Kultur“ und die „Tugenden“ der deutschen Hausfrau, wurden die Kolonialistinnen noch viel stärker in die traditionelle Frauenrolle zurückgedrängt (Rommelspacher, 2009) [10]. Ein ähnliches Phänomen ist in der heutigen Zeit zu beobachten. Bezahlte Dienstleistungen im Haushalt durch, beispielsweise, Migrantinnen und Frauen aus Osteuropa, wird zwar die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für deutsche Mittelschichtsfrauen erleichtert, doch führt dieses nicht zu einer Geschlechtergleichstellung. Einzig die Hierarchien zwischen Frauen wurde damit verschoben (Rommelspacher, 2009) [11] und nicht die Anerkennung und gerechtere Bezahlung, dieser als „Frauenarbeit“ abgestempelter Berufssektoren erreicht (Rommelspacher, 2009) [12].

Somit sollten Europäer*innen ihre Kultur etwas kritischer betrachten, bevor andere Gesellschaften und Kulturen in ihrem Emanzipationsverständnis angemahnt werden.

 

Literatur:

Rommelspacher, Birgit: „Hegemoniale Weiblichkeit“ (2009)

Unmüßig, Barbara: „Drei Jahre Arabellion: Der Frühling der Frauen?“ (2014)

 

[1] Unmüßig, Barbara: Drei Jahre Arabellion: Der Frühling der Frauen? (2014)

[2] Rommelspacher, Birgit: Hegemoniale Weiblichkeit (2009), S.171

[3] Ebd.

[4] Hijab (englische Schreibweise) oder Hidschāb: „ein arabisches Wort, das verschiedene Bedeutungen (Hülle, Vorhang, Schleier, Schirm) umfasst, im spezifischen Sinn aber die Verhüllung und Abschirmung der Frau durch ein Kopftuch bezeichnet, die nach weit verbreiteter Ansicht die Gesellschafts- und Normenordnung des Islams auszeichnet.“( https://de.wikipedia.org/wiki/Hidsch%C4%81b)

[5] Ebd., S.175

[6] Ebd., S.175

[7] Ebd., S.177

[8] Ebd., S.178

[9] Ebd., S.179

[10] Ebd., S.179

[11] Ebd., S.181

[12] Ebd., S.182

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