Ein Text von: Anika Apfel, Regine Beyß…

Warum Frauen* sich der kurdischen Guerilla anschließen

Bildunterschrift: Das Foto zeigt eine Kämpferin in der kurdischen YPJ Guerrilla im Kampf gegen ISIS.

Die kurdische Frauenbewegung bekommt gegenärtig viel Aufmerksamkeit in der westlichen Welt. Nach der häufigen Thematisierung von Zwangsheirat und Ehrenmorden unter Kurd*innen erstaunt uns die Berichterstattung über eine Frauenguerilla. [1] Das Bild der unterdrückten Frau im Mittleren und Nahen Osten bröckelt. Die Frauen der kurdischen Frauenbewegung gehen weiter, als nur ihre Stimme zu erheben, sie erheben auch ihre Fäuste und Waffen.

Die kurdischen autonomen Frauenarmeen verteidigen ihr Volk momentan vor allem gegen den Islamischen Staat, der seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs Gebiete unter Kontrolle hält, die an kurdischen Territorium grenzen. Doch für die Frauen bedeuten diese Gefechte noch viel mehr als nur die Verteidigung ihres Landes: Sie kämpfen gegen patriarchale Machtstrukturen und für die Befreiung der kurdischen Gesellschaft. Erstaunlich ist dabei, dass – obwohl es Frauenkampfeinheiten gibt – die Frauen betonen, dass es nicht nur um die Belange von Frauen geht. Auch Männer sollen von ihren Bemühungen profitieren; sie leben und sterben im wortwörtlichen Sinne im Kampf für eine gesamtgesellschaftliche Befreiung von unterdrückerischen Werten und Normen. [1]

Wie aus struktureller Unterdrückung revolutionäres Potenzial wuchs…

Die Motivationen der kurdischen Frauenguerilla, der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) beizutreten, sind unterschiedlich. Auch im Laufe der Jahre haben sich die Beweggründe der Frauen, in den Krieg zu ziehen, geändert. In den Anfangszeiten der Frauenarmeen in den 1970er und 1980er Jahren gründete der Ansporn vor allem auf der Empörung über die verschiedenen Versuche der türkischen Regierungen, die kurdische Identität zu verleugnen und zu vernichten. Die Frauen wollten die Repressionen gegenüber Kurd*innen nicht länger hinnehmen und wünschten sich eine sozialistische Gesellschaft. Zudem sahen sie in der Frauenbewegung eine Möglichkeit, die Rolle der Frauen neu zu definieren. Viele dieser Frauen waren Studentinnen oder Gymnasiastinnen. [1]

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren erlebte die kurdische Frauenguerrilla einen starken Zustrom von jungen Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren. Die meisten dieser Mädchen sind vor der ständigen Unterdrückung und Abwertung geflohen, die sie durch ihr biologisches Geschlecht erfahren hatten. Vor allem jagten die Zwangsverheiratungen den Mädchen Angst ein.

In konservativ feudalen kurdischen Familien ist es Tradition, dass die Töchter in einem sehr jungen Alter an ältere Männer verheiratet werden, wodurch die Mädchen zu Sklavinnen ihrer ‘Ehemänner’ gemacht werden. Diese geflohenen Mädchen faszinierte die Möglichkeit, sich unabhängig von den Männern an der Seite von anderen Frauen zu befreien und dabei andere Geschlechterrollen als die der Hausfrau und Mutter zu kreieren. Auch genossen diese jungen Frauen wenig Bildung, bevor sie in die Frauenguerilla eintraten; viele von ihnen waren Analphabetinnen. [2] Darüber hinaus wollten ungefähr 32 Prozent der neuen Frauen sich an den Kriegsfeinden für den Mord an ihren nahestehenden Familienmitgliedern und Freund*innen rächen. [3]

In der Mitte der 1990er Jahre kamen viele Frauen aus privilegierten Umständen zur Frauenarmee. Manche von ihnen studierten, kamen aus Europa oder hatten Eltern, die selbst in der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) engagiert waren. Diese Frauen entschieden sich aus politischen Gründen für die aktive Teilnahme am Kampf für die Rechte von Kurd*innen und Frauen. Seit 1999 bis ungefähr 2005 waren die Beweggründe der Frauen, sich der Guerilla anzuschließen, überwiegend die Loyalität zur kurdischen Identität und der Einsatz für die Rechte der Frauen. [2] Die Frauen, die sich den kurdischen Frauenarmeen der Arbeiterpartei Kurdistans anschlossen, gingen aufgrund eines Bewusstseins für Gerechtigkeit von zu Hause weg. Ihre Gründe sind nachvollziehbar wie schockierend.

Diese Frauen wurden in doppelter Hinsicht an den Wurzeln ihrer Identität erschüttert: Die Unterdrückung als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft und der Versuch ihre kurdische Identität zu vernichten, ließen die radikale Idee, sich der Guerilla anzuschließen, entstehen. Erst die ausweglosen Umstände in ihren Herkunftskontexten, die geprägt sind von Gewalt und Unterdrückung, führten dazu, dass der Weg dieser Mädchen und Frauen in den bewaffneten Kampf in die Frauenarmeen der PKK führte.

Quellen:

[1] Flach, Anja (2015) : Revolution in Rojava: Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo. VSA. Kapitel 6.

[2] Flach, Anja (2007) : Frauen in der kurdischen Guerilla. Motivation, Identität und Geschlechterverhältnis in der Frauenarmee der PKK. Papy Rossa. Köln. S.61-71.

[3] Genç, Yüksel (2002) : Anatomie der Transformation der Frau in der PKK, ohne Ortsangabe: Weşanen Jina Serbilind. S.43.

Bildquelle:

https://www.flickr.com/photos/129584221@N03/16126878626/ / Claus Weinberg (Creative Commons Lizenz)

Advertisements