Ein Text von: Milena Uppendahl, Armin Dashti, Aiko Tobias Saathoff, Rebecca Stranz…

„Die Geschichte der Kurden steht in keinem Geschichtsbuch, gleichwohl sind die 35 Millionen Kurden im Nahen Osten zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts das größte Volk der Welt ohne eigenen Staat.“¹

Schätzungsweise die Hälfte aller KurdInnen lebt in der Türkei. Die kurdischen Siedlungsgebiete erstrecken sich auf verschiedene Länder wie Iran, Irak, Syrien und Türkei. Kurden stellen ca. 18% (ungefähr 14,4 Mio.)² gemessen an der Gesamtbevölkerung in der Türkei dar. Sie bilden die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe nach den TürkInnen. Mit der Gründung des modernen türkischen Nationalstaates im Jahr 1923 begann ein andauernder Konflikt zwischen TürkInnen und KurdInnen. Ein Grund hierfür ist die zentralstaatliche Ordnung, die keine Selbstverwaltung der einzelnen türkischen Regionen zulässt. Weitere Beispiele dieser Konfrontation sind das Verbot der kurdischen Sprache in der Öffentlichkeit, sowie die historische, infrastrukturelle Ausgrenzung der Kurdengebiete. Die Türkei erkennt die Identität anderer Ethnien außer der türkischen innerhalb des eigenen Landes nicht an. Dies gilt auch für die KurdInnen. Durch die religiöse Verwandtschaft, der überwiegend sunnitischen KurdInnen, mit den TürkInnen wurden die KurdInnen lange Zeit als assimilationsfähig angesehen. KurdInnen konnten türkisch werden.

Der Autor Mesut Yegen zeichnet in seinem Beitrag, der sich dezidiert und historisch mit der Kurdenfrage auseinandersetzt, dass Kurden als „werdende Türken“ von türkischer Perspektive aus betrachtet wurden.³ Im Gegensatz dazu galten ArmenierInnen und GriechInnen, da sie nicht Teil des muslimischen Glaubens waren, von Beginn an als nicht assimilationsfähig. Als Folge der repressiven türkischen Politik bildete sich die PKK (Arbeiterpartei Kurdistan), eine prokurdische linksextreme Organisation, die mehr Autonomie für KurdInnen fordert. Europa, USA und die Türkei stufen die PKK  als Terrororganisation ein.⁴

Bis zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts wurden die KurdInnen noch als „werdende Türken“ betrachtet. Doch nun ist eine Abkehr dieser Wahrnehmung zu erkennen.³ KurdInnen wollen des Weiteren nicht als türkische StaatsbürgerInnen angesehen werden.³ Sie erfuhren keine Resonanz von der türkischen Politik in Bezug auf ihren Wunsch politische Mitsprache zu erhalten, womit ihre Abwehrhaltung gegenüber dieser zu erklären sei.

Die KurdInnen konnten Gebiete im Irak und in Syrien für sich gewinnen. Die damit einhergehende Etablierung eines grenzübergreifenden Kurdistans, ist für den türkischen Nationalstaat so nicht mehr hinzunehmen.⁴ Die Hoffnung der Assimilation der KurdInnen in den türkischen Nationalstaat wurde aufgegeben und so steht die Türkei noch ohne Lösungsansatz da.

Für ein differenziertes Verständnis dieses Themenkomplex ist die Betrachtung des sogenannten „türkischen Nationalismus“ hinreichend notwendig. Dieser ist eine sprachliche und kulturelle Bewegung, die sich im späten 19. Jahrhundert in der Türkei ausprägte.³

Der Versuch der kulturellen Assimilierung (erzwungene Angleichung), der sich in der Türkei befindenden KurdenInnen, im Kontext des türkischen Nationalismus, war ein Ansatz der fehlschlug.

Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts schien eine Annäherung der TürkInnen und KurdInnen noch möglich zu sein. So trug der gewollte EU-Beitritt der Türkei dazu bei, dass Reformen in den Kurdengebieten eingeleitet wurden. Ein Beispiel dieser Reformen war, dass in privaten Institutionen die kurdische Sprache unterrichtet werden darf.³ Es hatte den Anschein, die türkische Regierung versuche die infrastrukturelle und ökonomische Situation in den Kurdengebieten zu verbessern.³ Diese Hilfe war sicherlich auch mit einem gewissen Eigeninteresse verbunden. Dennoch zählen diese Regionen immer noch zu den wirtschaftlich Schwächsten in der Türkei.⁴

In der Türkei herrscht die Tradition, jedwede politische Partizipation der KurdInnen in Form von pro-kurdischen oder kurdischen Parteien klein zu halten. So haben diese Parteien generell eine geringe Chance sich innerhalb des politischen Diskurses zu behaupten, bevor sie aufgrund von „beschuldigter“ PKK Nähe vom Verfassungsgericht verboten werden. So erging es der DTP (Demokratik Toplum Partisi) im November 2009 und es gibt seit 2013 Versuche die HDP (Halkların Demokratik Partisi) in PKK Nähe zu rücken.⁵

Aufgrund der erneuten Eskalation des Konfliktes und der daraus resultierenden Stigmatisierung der KurdInnen, als Feinbild des türkischen Staates, ist momentan keine absehbare Lösung in Sicht.

Laut Awat Asadi gehört der Kurdenkonflikt zu den nachhaltigsten Ursachen für Instabilität und grenzübergreifende Konflikte im Nahen Osten.⁶ Diese Aussage erhält Gewichtung, wenn man bedenkt das die territoriale Grenzziehung von den Siegermächten bestimmt wurde.⁷ Dies verhinderte das Entstehen eines souveränen Staates Kurdistan.

Somit bleibt eine der grundsätzlichen Fragen weiterhin unbeantwortet: „Wie kann das vehemente Festhalten am zentralstaatlichem Prinzip mit der Forderung der Kurden nach (mehr) Autonomie vereint werden?“.⁴ Jedoch scheint diese Frage, zum jetzigen Zeitpunkt, fern jeglichen Realitätsbezugs, da sämtliche Kommunikation einseitig zum Verstummen gebracht wurde.

 

 

Quellenangabe:

[1] MIRANDA, Luis, 2015: Ôcalan et la Question Kurde / Öcalan und die Kurdenfrage. https://www.youtube.com/watch?v=DMKJPkPkkxE&t=97s (letzter Zugriff: 09.12.2016)

[2] CIA, 21. November 2016: The World Factbook: Turkey. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/tu.html (letzter Zugriff: 09.12.2016)

[3] YEGEN, Mesut, 2008: Türkischer Nationalismus, Staatsbürgerschaft und die kurdische Frage. In: Ilker Ataç, Bülent Küçük, Ulaş Şener (Hrsg.): Perspektiven auf die Türkei – Ökonomische und gesellschaftliche (Dis)Kontinuitäten im Kontext der Europäisierung . 1. Auflage. Münster. Westfälisches Dampfboot. Seite 230-251.

[4] GÜSTEN, Susanne, 2009: Die Kurdenfrage in der Türkei. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte: Türkei. 39-40/2009. bpb – Bundeszentrale für politische Bildung. Seite 21-26. http://www.bpb.de/apuz/31732/die-kurdenfrage-in-der-tuerkei?p=all (letzter Zugriff: 09.12.2016)

[5] GOTTSCHLICH, Jürgern, 14.12.2009: Zurück zu den alten Feindbildern. taz Verlags u. Vertriebs GmbH. http://www.taz.de/!5151018/ (letzter Zugriff: 09.12.2016)

[6] ASADI, Awat, 2007: Der Kurdistan-Irak-Konflikt: Der Weg zur Autonomie seit dem Ersten Weltkrieg, Berlin, S. 14.

[7] VICTOR, Jean-Christophe, 2013: Mit offenen Karten – Kurdistan EIN NEUER STAAT IN VORDERASIEN?. https://www.youtube.com/watch?v=F34RzmHQBiU (letzter Zugriff: 09.12.2016)

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