Ein Text von: Viola Duhme, Matthias Macanovic, Alexander Rotter…

„Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.“ [1]

Der Krieg hat die Angewohnheit weder gute Laune zu verbreiten, noch ist es besonders angenehm darüber zu lesen. Dieser Blogbeitrag wird ähnlich sein. Es werden traurige Zahlen sein, gemessen aufgrund einer traurigen Angelegenheit, zusammengefasst in einer Art Faktenbericht. Dennoch ist es unverzichtbar die Zahlen zu kennen, um eine grundlegende Ausgangsfrage beantworten zu können: „Lassen sich mit militärischen Mitteln Menschenleben retten?“

Die Bilanzierung eines Krieges, oder anders: einer militärischen Intervention, nimmt einen wichtigen Forschungspunkt in der Friedensforschung ein. So eine Bilanzierung unterscheidet sich elementar von einer herkömmlichen betriebswirtschaftlichen Vermögensbilanz, in der Soll und Haben aufgelistet und gegenüber gestellt wird. Letzteres funktioniert relativ unkompliziert, weil es klare Vorgaben gibt, welche Faktoren einzubeziehen und in welcher Währung beide Posten auszuweisen sind.
Die Bilanzierung einer militärischen Intervention gestaltet sich dagegen viel komplexer. Es wird gemeinhin zwischen systematischen, projektorientierten und punktuellen Ansätzen unterschieden. Quer dazu verläuft die humanitäre Intervention, die auch Gegenstand dieses Blogbeitrages sein soll.

Bei einer humanitären militärischen Intervention schickt ein Staat Truppen in ein anderes Land, um unter Androhung oder Ausübung militärischen Zwangs erklärtermaßen die dortige Zivilbevölkerung zu schützen, die einer durch Gewalt geprägten Notlage bedroht ist.[2]

Der Politikwissenschaftler Taylor Seybolt schlägt vor, den Erfolg oder Misserfolg einer humanitären militärischen Intervention an der Zahl der Menschen zu messen, die ohne den Einsatz gestorben wären. Es sollen die absoluten Zahlen der Todesfälle jeweils vor und während einer Intervention ermittelt werden. Dann soll untersucht werden, inwiefern die Intervention die Todesraten beeinflusst.[3] Dieser Ansatz läuft auf die simple kontrafaktische Überlegung hinaus, ob ohne die Intervention mehr Menschen gestorben wären.
Um diesen Ansatz am Beispiel des Tschads verfolgen zu können, stütze ich mich auf die Daten des Uppsala Conflict Data Program (UCDP).[4]  Die Datenbank erhebt, was vor und was während einer humanitären militärischen Intervention, nicht aber, was durch die Intervention geschieht.

Die humanitäre militärische Intervention des Tschads geschah auf französisches Bestreben und war eine Reaktion auf das Ausbrechen des Bürgerkrieges zwischen der Regierung und der Rebellengruppe GUNT aus dem Norden des Landes.

Durchschnittliche Todesopferzahl pro Jahr laut UCDP:

Intervention UCDP-Daten
Land Beginn Ende Ende bewaffneter Konflikt Ende innerhalb 0,5  Jahre Ende in 1 Jahr
Tschad 31.03.1979 30.06.1982 31.12.1984 Nein Nein
Durchschnittliche Todesopferzahl vor der Intervention Durchschnittliche Todesopferzahl während der Intervention Veränderung in Prozent
414 887 114,1

 

Die durchschnittliche Todesopferzahl ist während der humanitären militärischen Intervention um 114,1 Prozent gestiegen. Für den Tschad endete der bewaffnete Konflikt offiziell erst 1984, also 2 Jahre nach dem Ende der eigentlichen Intervention. Wieder 2 Jahre später, glitt das Land in den nächsten Konflikt, woraufhin die nächste französische Intervention erfolgte.[5]
Die humanitäre militärische Intervention kann somit im Tschad de facto als gescheitert angesehen werden. Weder verminderte sich die Todesopferzahl, noch fand ein dauerhafter Frieden im Land Einzug.

Abschließend bleibt zu sagen, dass mit dem Tschad ein Beispiel gewählt wurde, dass eine deutliche Verschlechterung der Situation während der Intervention aufzeigt. Der Vollständigkeit halber muss aber erwähnt werden, es gibt „positive“ Beispiele einer humanitären militärischen Intervention. Rein statistisch gesehen sogar mehr, als es negative gibt.[6] Das wohl aussagekräftigste Beispiel einer solchen positiv verlaufenden Intervention, ist die humanitäre militärische Intervention der DR Kongo seitens der Vereinten Nationen im Jahr 1999, die ein Rückgang der Todesopferzahl um 86,2% bewirkte. Als Zahl entspricht das, zumindest theoretisch, 13.343 geretteten Menschenleben.[7] Theoretisch, weil wir uns nie sicher sein können, was ohne die Intervention passiert wäre.
Eine Bilanzierung kann den Erfolg oder Misserfolg einer humanitären militärischen Intervention zwar im Groben darstellen, kann den langen Arm des Krieges allerdings nicht erfassen. Sie sieht weder das Leid nach dem Krieg, noch kann sie eine Veränderung der Lebensqualität messen.
Die grundlegende Frage bleibt nach Kenntnisnahme der bloßen Zahlen trotzdem dieselbe: „Lassen sich mit militärischer Mittel Menschenleben retten?“

 

Fußnoten

[1] Kessel, Martin (1960): Gegengabe: aphoristisches Kompendium für hellere Köpfe, Verlag H. Luchterhand, S. 50.

[2] vgl. Holzgrefe, J.L. (2003): The humanitarian intervention debate. in: Ders./Robert O. Keohane (Hrsg.): Humanitarian Intervention. Ethical, Legal and Political Dilemmas, Cambridge: Cambridge University Press, S. 18.

[3] vgl. Seybolt, Taylor (2007): Humanitarian Military Intervention. The Conditionsfor Success and Failure, Oxford et al.: Oxford University Press, S 30 – 36.

[4] UCDP Conflict Encyclopedia, in: www.pcr.uu.se/research/ucdp/database (30.11.2016)

[5] vgl. Nolutshungu, Sam (1995): Limits of Anarchy: Intervention and State Formation in Chad. University of Virginia Press, S. 202f.

[6] vgl.  Gromes, Thorsten/Dembinski, Matthias Dembinski (2013): Bestandsaufnahme der humanitären militärischen Interventionen zwischen 1947 und 2005, in: HSFK-Report Nr. 2/2013. S. 34ff.

[7] UCDP Conflict Encyclopedia, in: www.pcr.uu.se/research/ucdp/database (30.11.2016)

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