Ein Text von: William-Samir Abu El-Qumssan Thorben Fleck, Marie-Christin Prackwieser, Nils Gießler

Eine Übersicht der Untersuchung der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung

In Sabine Jabergs Vortrag wurden verschiedene Arten von militärischen Interventionen genannt. Viele wichtige und interessante Themenbereiche verschiedener Arten von militärischen Interventionen wurden bereits im Vorlesungsskript zu Sabine Jabergs Beitrag zusammengefasst.

Im folgenden Beitrag gehen wir auf eine dieser Interventionen ein – eine Bilanz humanitärer militärischer Interventionen. Wir stützen uns hierbei auf einen Beitrag von Matthias Dembinski und Thorsten Gromes, welche von Jaberg während ihres Vortrags mehrfach erwähnt wurden.

Kann mensch mit militärischer Gewalt Menschenleben retten oder wird es durch solche humanitären Interventionen noch schlimmer? Dies ist eine der meist diskutierten Fragestellungen der Friedens- und Konfliktforschung. Für Politikerinnen und Politiker ist es daher umso schwerer, über militärische Interventionen zu entscheiden. Den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern mangelt es an ausreichend Informationsmaterial über die Erfolgswahrscheinlichkeit solcher humanitärer Interventionen, da zu dieser Frage kaum Wissen existiert. Aus diesem Grund wurde ein Projekt an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) geschaffen, welches mit der Sammlung von Daten aller humanitären militärischen Interventionen die Frage nach Erfolg beantworten soll. [1] Auf die Art und Weise dieser Untersuchung gehen wir im Folgenden ein.

Um vergangene Fälle analysieren zu können, bedarf es zunächst einer Definition des Untersuchungsbegriffs. Die HSFK verwendet für humanitäre militärische Interventionen folgende Definition: „Bei einer humanitären militärischen Intervention schickt ein Staat Truppen in ein anderes Land, um unter Androhung oder Ausübung militärischen Zwangs erklärtermaßen die dortige Zivilbevölkerung zu schützen […]“. Kennzeichnend sind folgende vier Merkmale: Auslandseinsatz, Zwang, von Gewalt geprägte Notlage und erklärte Absicht, Fremde zu schützen.

Die HSFK filterte sämtliche militärischen Interventionen von 1947 bis 2005 bezüglich der definierten Merkmale. 39 aller Fälle wurden als humanitäre militärische Interventionen deklariert. Da manche Einsätze eindeutiger zuzuordnen sind als andere, wurden Zweitgenannte in die Kategorie „Grenzfälle“ eingeordnet. Von den 39 humanitären militärischen Interventionen wurden sieben als Grenzfälle eingestuft. Es wurde damit versucht, die Datensammlung so detailliert wie möglich zu gestalten.

Bis 1989 gab es nur sechs solcher humanitären militärischen Einsätze – drei wurden als Grenzfälle eingeordnet. 1990 bis 2014 gab es somit 33 humanitäre militärische Interventionen. Im Jahr 2003 wurden vier solcher Interventionen gestartet – der Höchstwert dieser Datenerhebung. Mehr als die Hälfte aller humanitären militärischen Interventionen fanden in Afrika statt. Dies ist aufgrund der Anzahl der Notlagen in Afrika aber nicht überraschend. Die größten und bevölkerungsreichsten Länder, in denen Interventionen stattfanden, waren Pakistan, Kongo und Sudan.

Um die Interventionen bewerten zu können, wurden folgende drei Erfolgskriterien festgelegt:[2]

  • Beendigung der Notlage nach 12 Monaten
  • Todesrate um 30% senken
  • Entsteht eine neue Notlage innerhalb der nächsten fünf Jahre nach der Intervention

In zwei Drittel der untersuchten Fälle wurde die Notlage nach zwölf Monaten nicht beendet. Aufgrund der analysierten Daten könnte man annehmen, dass humanitäre militärische Interventionen die Notlagen und Gewalt nicht beenden, sondern Gewalt kurzzeitig senken bzw. unterbrechen.

Neben der Betrachtung der Gewaltentwicklung in den Krisenländern ist auf der anderen Seite auch interessant, unter welchen Umständen Notlagen beendet wurden. Westliche Interventionen gehen häufiger mit einem schnellen Ende der von Gewalt geprägten Notlage zu Ende. Auf UN-Missionen folgte seltener ein rasches Ende der Notlage als auf sonstigen Interventionen. Nach HSFK sei für ein schnelles Ende der Notlage nicht entscheidend, ob es vor der Intervention viele oder wenige Todesopfer gab. Deutlicher hingegen zeigt sich die Erfolgswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit von der Zahl der Konfliktparteien. Je höher die Anzahl von Konfliktparteien, desto geringer die Aussichten auf die Ordnung eines Konflikts.

Abschließend warnen Dembinski/Gromes vor voreiligen Interpretationen der ermittelten Ergebnisse. Aus zwei Gründen sind nur bedingte Schlussfolgerungen aus den Befunden möglich. Zum einen ist noch nicht bekannt, „wie oft in Notlagen ohne eine humanitäre militärische Intervention in einem vergleichbaren Zeitraum die tödliche Gewalt endet oder sinkt“. Zum anderen sind für die untersuchten Fälle nur Korrelationen bekannt. Ein Erfolgsfall bedeutet somit nur, dass auf eine Intervention ein Rückgang oder Ende der Gewalt folgte. [2],[3] Es bleibt somit die Erkenntnis, dass wenig Aussagen über die Effekte humanitärer militärischer Interventionen auf Basis dieser Untersuchungen getätigt werden können.

In den folgenden Blogbeiträgen werden wir auch auf einzelne Fälle von humanitären militärischen Interventionen eingehen.

 

Literatur

[1] Vorlesungsskript 26.10.2016 – Vortrag „Bilanz militärischer Interventionen – wo bleibt der Frieden?“ von Sabine Jaberg

[2] Gromes, Thomas; Dembinski, Matthias (2013): Bestandsaufnahme der humanitären militärischen Interventionen zwischen 1947 und 2005. Hg. v. Thomas Gromes und Matthias Dembinski. Online verfügbar unter http://www.hsfk.de/fileadmin/HSFK/hsfk_downloads/report0213.pdf, zuletzt geprüft am 15.11.2016.

[3] Gromes, Thomas; Dembinski, Matthias (2016): Ausblick auf eine Bilanz humanitärer militärischer Interventionen. Hg. v. Thomas Gromes und Matthias Dembinski.

Advertisements