Ein Text von: Anika Apfel, Regine Beyß…

Die Nachrichten sind voll mit Meldungen über den Konflikt zwischen der türkischen Regierung und der Autonomiebewegung der Kurd*innen. Hinter diesen Meldungen verbirgt sich eine komplexe Gemengenlage: Die unterschiedlichen Wurzeln dieses Konfliktes reichen weit in die Historie. Und ständig kommen weitere Akteur*innen mit strategtischen Machtansprüchen hinzu. Bei der ersten Auseinandersetzung mit dem Thema kamen uns mehr Fragen als Antworten.

Als wir uns für das Thema „Autoritäre Staatlichkeit in der Türkei, (Frauen-)Widerstand und Basisdemokratie in Kurdistan“ entschieden hatten, tauchten drei Assoziationen auf: Die Gewalt im Mittleren Osten, Frauen im militärischen Widerstand und Waffen aus Deutschland, die den Kampf gegen die Terrororganisation IS unterstützen sollten.

Zudem kamen uns ziemlich plakative Begriffe in den Sinn: Unterdrückung, Freiheitskampf und so genannte ‚humanitäre‘ Interventionen des Westen. Womit also sollten wir die Nachforschungen zu einem so komplexen Thema beginnen? Wir hatten den Eindruck: Je mehr wir uns informieren, umso schwieriger wird es, den Konflikt in seiner Gänze nachzuvollziehen.

Um uns einen ersten Überblick zu verschaffen, richteten wir unseren Blick zunächst auf die Landkarte, insbesondere auf vier Länder: die Türkei, den Iran, den Irak und Syrien. Die „offizielle“ autonome Region Kurdistans liegt im Irak. Hier bildete sich 1992 das erste Regionalparlament, das die Region zur Autonomie geführt hat. Nach dem Irakkrieg im Jahr 2003 wurde in der irakischen Verfassung die Gebietskörperschaft der Region Kurdistan anerkannt.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die Türkei oder der Irak die Kurd*innen in einen eigenen Staat entlassen, weil die strategische und ökonomische Bedeutung der Region zu groß ist. So liegen die wichtigsten Ölfelder des Iraks am Randgebiet zu Kurdistan, und auch die Türkei fördert Öl in kurdischen Gebieten. [1]

Warum kämpft das kurdische Volk trotzdem so vehement und ausdauernd für seine Unabhängigkeit? Die Kurd*innen werden seit Jahrhunderten von der türkischen Mehrheitsgesellschaft systematisch ausgebeutet und unterdrückt. So durften die Kurd*innen zum Beispiel nicht einmal ihre eigene Sprache benutzen, ohne bestraft zu werden. Die kurdische Kultur wurde als Ganze stigmatisiert und verleugnet

.Die Kurd*innen kämpfen dafür, endlich unabhängig zu sein und die eigene soziale, politische und individuelle Identität ausleben zu können. Dabei spielen die Rechte von Frauen eine große Rolle. Während Frauenrechte in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens am unteren Ende der politischen Agenda stehen, entwickelte sich in Kurdistan eine autonome Frauenbewegung, die an vielen Fronten für ihre Rechte einstehen.

„Befreiung der Gesellschaft ohne Befreiung der Frauen nicht möglich ist“

Anja Flach berichtet in ihrem Text „Frauen in Rojava“ [2] von verschiedenen Formen der Selbstorganisation der kurdischen Frauen, wobei die politische Bildung als „das Herzstück der gesamten Frauenarbeit“ gilt. In Frauenzentren werden Computer-, Sprach-, Kultur- oder Erste-Hilfe-Kurse organisiert und Frauen können miteinander über familiäre und soziale Probleme sprechen und Lösungen finden. Es ginge darum, dass nur Frauen über Frauenthemen entscheiden und ein neues Selbstbewusstsein schaffen. In Kommunesystemen, in denen jede Familie bekannt ist, würde direkt mit Betroffenen gesprochen um bei Konflikten gemeinsam Lösungen zu schaffen.

Darüber hinaus geht es Frauen aber um eine radikale gesamtgesellschaftliche Umwälzung, an deren Ende die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in allen Bereichen steht. Frauen sollen in allen Entscheidungsprozessen vertreten sein. Die gemeinsame Arbeit von Männern und Frauen zum Beispiel in der Landwirtschaft und im Militär lässt auch Männer neue Rollen kennenlernen.Besonders beeindruckend an dem Bericht erschien uns der allumfassende Ansatz der Frauenbewegung, im Dialog mit ihren Familien und Freund*innen neue Vorstellungen und zukünftige Strukturen durchzusetzen, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ermöglicht und dabei das Ziel verfolgt, eine multiethnische Gesellschaft aufzubauen.

Wie konnte sich eine solche erfolgreiche Frauenbewegung, die weltweit bekannt ist, ausgerechnet in diesem umkämpften Gebiet entwickeln?

Quellen:

[1] Wagner, Hans: Die Kurden. Geschichte, Kultur und Hintergründe. Eurasisches Magazin, Altomünster. URL: http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/Kurden-sind-eines-der-aeltesten-Kulturvoelker-Geschichte-und-Hintergruende/21103 [Zugriff: 14.11.2016]

[2] Flach, Anja: Revolution in Rojava. Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo. Hamburg, 2015, Kapitel 6.

Bildquelle: By Ferhates (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons.

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